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Der fliegende Holländer

heißt Wolfgang, ist liebenswürdig ("Amadeus") und - kommt aus Österreich

Wir haben an der ortsseitigen Pier von Plataria festgemacht. Da, wo der lange Park mit den Palmen und anderem üppigen Bewuchs den Hafen von der Promenade mit den Cafés und Läden trennt, sind wir längsseits gegangen. Und bereits bei der Einfahrt in den Hafen haben wir sein Schiff bemerkt. Ein schwarzes Holzschiff, Zweimast-Ketsch mit schmuckem Holzaufbau und vielfältigem Tauwerk, wie man es von den Schiffen kennt, die durch die "Störtebecker"-Filme unserer Kindheit pflügten. Eine Fata Morgana mitten in einem Seegebiet, das von kleinen bescheidenen Fischerbooten, weißen Fährschiffen und Ketten von Charterbooten in einheitlichem Plastiklook beherrscht wird.
Nachdem wir unser Boot am Pier fest vertäut, die Fender geprüft und an Deck alles aufgeräumt haben, machen wir uns auf den Weg zu einer ersten Ortsbesichtigung und einem kleinen Hafenrundgang, an dessen Ende wir staunend vor dem schwarzen Schiff stehen. Das ist so ein Schiff, wie es an der Ostsee gleich nach dem Einlaufen eilig vom Hafenmeister an den "Quai de Honeur" gewunken wird, den Liegeplatz an prominenter Stelle, selbstverständlich längsseits und nicht wie die Plastikboote in Reih und Glied, Bug oder Heck zum Pier.

Ein Schmuckstück traditioneller Seefahrt, dem jeder Hafen gerne, auch durch Erlassung der Hafengebühr, die Ehrerbietung zollt, die einer solchen Zeugin lebendiger Geschichte zusteht. In diesem Fall handelt es sich, wie unschwer in goldenen Lettern vom Heck abzulesen ist, um "Circe", die Zauberin und Verführerin der griechischen Heldensage - eine romantische Poesie, die man einem solchen Schiff gerne zugesteht, womit man jedoch bei einem Plastikboot, das auf welche Göttinnen auch immer getauft ist, seine Schwierigkeiten hat. Viele geisteswissenschaftlich inspirierte Studienräte haben der Welt auf diese Weise bereits denkwürdige Stilblüten an Bug oder Heck ihrer Siebenmeterfünfzig-Boote geschenkt.
Während wir noch so stehen, schauen und uns leise auf verschiedene Details aufmerksam machen, erschallt ein Zuruf von irgendwo hinter sanft über die Länge des Schiffs geschwungenen Sonnensegeln "He ihr, wenn´s die Schuh ausziegt, kommts an Bord – seids eingeladen zum Tee!". Äh – wir? Da rechts und links keiner am Pier steht, beschließen wir, den Anruf auf uns zu beziehen und blicken suchend entlang des Schiffs. Jetzt erscheint auch ein Kopf hinter den Decksaufbauten, blonde, wild zerzauste Locken und ein noch wilderer Bart. Der Seewolf! Aber nein, Raimund Harmstorf ist ja unter beschämender Mitwirkung der Proletenpresse vor einigen Jahren parkinsongeplagt von uns gegangen. Dann eben sein Zwillingsbruder. Freundlich verschmitztes Gesicht, blaue klare Augen, richtet er sich zu voller Größe auf und kommt uns entgegen. Bedrucktes, fleckiges T-Shirt und die zerfetztesten Bermudashorts, die ich je irgendwo gesehen habe – die Slums von Kalkutta inbegriffen. Artig entledigen wir uns der ortsüblichen Semi- Trekking- Klettverschluß- Leichtplastik- Latschen und klettern über eine makellos lackierte Reling auf ein zwischen ausgelegten Teppichen hervorblinkendes ebenso makellos lackiertes Deck.

"Wolfi" – eine Hand streckt sich uns entgegen, die man getrost und im positivsten Sinn als "Pranke" bezeichnen kann. Die Art Hand, die armdicke Taue heben, Holzbalken mittlerer Dachsparrendimension wuchten, und wenn nötig Maulschellen von denkwürdiger Herzhaftigkeit verteilen kann. Eine Hand, die in einen Arm münden muß, dessen Umfang jedem Ast einer hundertjährigen Eiche zur Ehre gereicht hätte. Auch dieser Arm ist vorhanden.

Wir stellen uns vor und werden auf Matten verwiesen, die unter den Sonnensegeln über die Dächer der Aufbauten gebreitet sind, "legts euch einfach da hin, wo´s wollts - nur nicht da" - unter einem runden Sturz aus Messing wird uns ein Kompass musealer Dimension enthüllt, der von Wolfi als Heiligtum deklariert wird, dem sich allzu sehr zu nähern als Sakrileg gewertet wird – mindestens so verwerflich wie Cola aus dem Heiligen Kral trinken zu wollen oder das Goldene Fließ als Bettvorleger zu mißbrauchen.
Da wir höflich andeuten, dass wir grade weniger Lust auf Tee aber viel Neugierde auf das Schiff hätten, werden wir bereitwillig herumgeführt – "könnts kaufen, die Circe – ich hab nach zwanzig Jahren was andres vor". Und während wir das Schiff betrachten, erzählt Wolfgang von den vielen Jahren, die er nun bereits mit der Circe zwischen Nord- und Mittelmeer unterwegs ist und dass er der Einsamkeit auf See und der Abenteuer müde geworden ist. Da ist er – der fliegende Holländer. Und zu seiner Erlösung braucht`s nicht einmal das Drama eines opferwilligen Weibes, das für ihn zu sterben bereit wäre – ein Interessent mit gut bestücktem Bankkonto, der ihm seine Circe entführt, tät´s ja schon. Aber wer hat die Kraft und das Geschick, siebzig Tonnen, auf dreiundzwanzig Meter Schiff verteilt, handhaben zu können? Wir ahnen, es müsste wieder einer wie Wolfi sein – so sind´s halt, die Weiber – steh´n immer auf die gleichen Typen.

Wir wandern über das Deck der Circe und die alte Dame macht ihrem Namen alle Ehre, indem sie uns mit dem warmen Farbton der Hölzer – "Eiche auf Pinie", erklärt Wolfi – und einer unendlichen Vielzahl von Leinen beeindruckt, die in verschiedenster Länge und Dicke teils sorgfältig geordnet, teils kunstvoll geflochten allgegenwärtig sind und den Blick aufwärts ins Rigg führen, das irgendwo hoch oben an der Spitze der himmelhohen Masten ausläuft. Die lange Reihe massiver Sparren an der Innenseite der Reling säumen ein Freideck dessen Platzangebot jeder wilden Seefahrermeute gerecht würde und man ist ständig darauf gefasst, dass diese aus den Luken, die ins Schiffsinnere führen, heraus klettert, die weit nach oben ins Takelwerk führenden Strickleitern entert, und mit rauhen Gesängen irgendwas von Pest, Schwefel und Madagaskar erzählt, während "Leinen los!" und "Hol auf!" die Kommandos über´s Deck schallen.
Eben so, wie wir das früher in den maritimen Historienschinken am Sonntag Nachmittag mit gebanntem Staunen beobachtet haben, während wir Kugelhupf mit Kaba vor dem Schwarzweißfernseher mampften.
Alles ist von beeindruckender Schwere und Wuchtigkeit. Die riesigen naturfarbenen Segel, mächtige Bäume aus Holz, schwarz lackierte, geschmiedete Beschläge und immer wieder Leinen und Seile, deren verwirrende Vielfalt und Funktion sich auch uns als Eignern einer ungleich kleineren Kunststoffyacht nicht auf Anhieb erschließt. Unten größere, oben kleinere Gaffelsegel und für all diese Segel und jedes Manöver, das Aufziehen, in den Wind Stellen, Trimmen, Niederholen gibt es Leinen und Leinen und noch mehr Leinen.

Wir dürfen auch durch enge Niedergänge und über steile, blank geputzte Stufen unter Deck klettern. Auch wenn aus den vergitterten Oberlichtern und seitlichen Bullaugen reichlich südliche Helle hereinflutet, müssen sich unsere Augen und unser Orientierungssinn kurz umstellen, bis wir uns zurechtfinden. Mit dem lässigen Stolz des Schiffsherrn geleitet uns Wolfgang durch sein Reich. Als wir nun alle Einzelheiten interessiert in Augenschein nehmen, wähnen wir uns im Innern eines nordischen Bauernhofmuseums. Alles auch hier aus massivem, schwerem Holz in vom Alter patinierten Honigtönen, wieder die schweren Eisenbeschläge. Verwinkelte heimelige Kajüten mit tausend Nischen und Ecken, aus deren geheimnisvollem Halbdunkel jederzeit mindestens ein Klabautermann, wenn nicht noch weit Verwunderlicheres, heraus krabbeln könnte. Eine eigene Welt, in der die moderne Technik mit Warmwasserheizung, Nasszelle und voll ausgestatteter Pantry vom allgegenwärtigen Nimbus des Traditionellen aufgesaugt und überdeckt wird.
Wir wandern durch dämmrige Gänge von Raum zu Raum und von einer Lichtinsel zur nächsten, immer noch ein Winkel, eine Kammer, ein Durchgang, vorbei am mächtigen Schiffsdiesel im nur durch eine spärliche Glühbirne erleuchteten Maschinenraum und klettern zuletzt am Heck durch die Kapitänskajüte mit Kartentisch und wieder vielen Winkeln zurück auf´s Deck.
Wolfgang schaut sich besorgt um – "die mögen uns nicht so besonders ....". Auf Nachfrage erfahren wir, dass "die" die Fischer und Einwohner des Hafenstädtchens sind und "uns" das kleine Häufchen von Traditionsseglern bezeichnet, das es von Nord- und Ostsee ins Mittelmeer verschlagen hat. Nicht alle so schmuck, wie Wolfis Circe, bemerken wir am nächsten Tag, als eine junge Familie mit einem Schiff einläuft, das wir, ohne den Eignern nahe treten zu wollen, als Seelenverkäufer einstufen. "Das älteste Schiff seiner Art" wird uns bedeutet – man sieht´s ihm bitter an. "Für die ..." - siehe oben, dieses Mal ausgeweitet auf das ganze Revier – " ... sind das doch nur alte Mühlen, die ihnen den Liegeplatz für die Charterflotten belegen."

Ich siniere ein wenig darüber, was einem griechischer Fischer, der geschäftstüchtig zum Tavernenwirt mutiert ist, die Symbolhaftigkeit eines hundert Jahre alten Kohlentransportschiffs aus nördlichen Gefilden mitteilen könnte. Seine eigene Tradition liegt in Form kleiner Fischerboote mit abblätternden Farben malerisch am inneren Hafenpier vertäut und er wird vielleicht ganz froh sein, nicht mehr bei Wind, Wetter, Nacht und Nebel zum Fischfang mit immer magerer werdenden Ergebnissen auslaufen zu müssen. Das Auslaufen besorgen jetzt ausgelassene, schreibunt gewandete Menschen aus aller Herren Länder, und je mehr von denen in einen Hafen passen, umso eher wirft die Taverne während der kurzen Hochsaison genügend ab, um die Kinder, Neffen und Enkel zu Ausbildung oder gar Studium in die nächste Stadt schicken zu können. Die Tradition nordischer Länder steht da nicht so hoch im Kurs und Romantik haben die Griechen ganz augenscheinlich so viel eigene, dass sie diese bereits seit geraumer Zeit recht nachhaltig sackweise exportieren. "Griehichischer Weeiiin ....".
Am nächsten Morgen ist der Platz leer, an dem die Circe gelegen hat. Wir hören von Stegnachbarn, wo sie das Schiff bereits gesichtet haben und dass es seit Jahren zu einer der Legenden des Reviers geworden ist, in Buchten und Häfen auftaucht und wieder verschwindet, wie sein berühmtes Pendant. Wir suchen, während wir die Augen gegen die gleißende Sonne abschirmen, den leeren Horizont nach der Circe ab und im Stillen wünschen wir Wolfi, dass er nach all den Jahren, wie er sich das wünscht, zurück an Land kommen kann und dem Schiff, dass es wieder einmal in seiner Heimat an einem Ehrenplatz in irgendeinem Hafen liegt, wo nebenan täglich der Dorsch fangfrisch in Zeitung verpackt über glitschige Marktstände gereicht wird und Kinder mit großen Augen was von Störtebecker erzählen, während sie ehrfürchtig am Pier entlang vom Bug zum Heck der Circe wandern.

 

 

Die Circe steht zum Verkauf. Kontakt: Wolfgang Scholz * Tel.: 0030-945-358083 * E-Mail: scholzwolfi@hotmail.com * Ausführliches Exposé zur Geschichte und technische Details: www.e-preveza.gr/circe

Alle Bilder von Circe und Wolfgang sind von der Circe-Homepage (s.o.) und nachträglich von mir bearbeitet.