Der Eindruck
Ungeheure Kräfte packen Körper und Seele und ziehen sie in ihren beklemmenden Bann. Zehn Tonnen Schiff wie von leichter Hand hochgehoben, etwas um die Mitte gedreht und wieder nach unten geworfen. Ein Wasserschlund öffnet sich und droht, sich über allem zu schließen. Für kurze Zeit verschwindet der Blick zum Horizont. Nur noch glitzernde, schäumende Wände aus glasigem Schwarzgrün unter einer grauen Wolkendecke.

Wieder die Riesenhand von hinten. Der Fußboden, der plötzlich aus der Schräge eines Hausdachs in die entgegengesetzte Lage kippt. Nach vorn, hinten und gleichzeitig nach rechts und links. Kein freies Stehen mehr möglich, nicht einmal ein Sitzen ohne sich einzukeilen, festzuklammern. Ununterbrochen in gleichmütigem Rhythmus das Heben und Fallen von Bug und Heck, das schräge Einsetzen in Wellentäler, das seitliche Kippen, wenn der Bug wieder hoch emporgehoben wird, das erneute Stürzen, wenn die nächste Welle von hinten das Heck erreicht hat. Hundert Mal, tausend Mal. Eine mächtige Symphonie gewaltiger Taktreihen schiebt uns durch die Stunden.

Ausguck halten, eingeklemmt zwischen den abgerundeten Mahagoniflanken des Niedergangs, auf der obersten Stufe, die hinab in den Schiffsbauch führt. Ab und zu aufgeschreckte Rettungsaktionen, wenn Gegenstände, die nicht oder ungenügend gesichert sind, plötzlich beim Sturz in ein Wellental ein unerwünschtes Eigenleben entwickeln. Schlittern, fallen, oder wie Geschosse durch den Raum fliegen, während die Schwerkraft für Sekunden relativiert wird.
Immer wieder ermunternde Blicke tauschen, ein Lächeln versuchen, das doch gleich wieder vom Ernst der Situation verschluckt wird.

Regelmäßige Turnübungen vom geschützten Ruderhaus ans Deck. Schiebetür auf, Sicherungsleine einhaken, raus, Tür zu. Einschwingen auf den Rhythmus der Schiffsbewegungen, sorgfältig greifendes Hangeln entlang der Reling. Jeder Schritt geprüft, kein Loslassen der einen Hand ohne festen Halt für die andere.
Über allem der Sturm. Heulend und pfeifend auf der Äolsharfe der Wanten in ständig wechselnder Tonlage. Wie von ungebärdigen Kobolden wird die Kleidung geschüttelt und gezaust, weht schlagend und knatternd um Arme und Beine, wird windwärts wie eine Haut an den Körper gepresst. Prüfender Blick vom erhöhten Achterdeck über die langen, teils schaumgekrönten Reihen, die übermannshoch von hinten auf das Schiff zulaufen, es fassen und vom Heck zum Bug unter ihm hindurchwandern. Reihe um Reihe von der diffusen Weite im Rücken bis zum Horizont, auf den die Bewegung der aufgewühlten Fläche zuläuft. Nur schräg seitlich ein dunklerer Streifen. Das Land, das Ziel, die Sicherheit.
Weit vorn am Bug zehn Meter hoch das Vorsegel, vom rückwärtigen Wind straff gefüllt. Ein gewaltiger Bauch, der sich rhythmisch in den Bewegungen des Seegangs öffnet und schließt wie in riesigen flachen Atemzügen. Seine Kraft, die das Schiff immer wieder aus einem Wellental emporzieht, nur um es gleich wieder in das nächste hinab zu treiben. Rechts und links am Bug die weit zur Seite geworfene Gischt, wenn das Schiff wieder in einen Wasserberg eintaucht. Weiße Schaumfetzen, die seitlich vorbei schießen, um hinter dem Schiff als eine Spur von weißen Flecken den zurückgelegten Weg zu markieren.

Wie klein! Zwischen den mächtig in der unübersehbaren Weite wirkenden Kräften das überwältigende Gefühl der eigenen Winzigkeit. Alles in diesem schwimmenden Zuhause versammelte materielle Haben und Sein, alle Sicherheit, aller Schutz mühelos wie ein Holzscheit aufgehoben und zurückgestoßen, getrieben und gebremst, gedreht in leichtgewichtig anmutenden Schwüngen. Festgeklammert auf diesem nur mühsam gesteuerten Spielzeug der Elemente ein verschwindend kleines Wesen, das mitgetragen wird wie eine Ameise auf einem treibenden Blatt.
Kontrolle der Schot, der Wanten, des Achterstags. Beim Griff an sirrend gestraffte Leinen und Drahtseile den ungeheuren Druck fühlen, den das prall gefüllte Segel auf das Material ausübt. Eine Masse von zehn Tonnen wird daran mit einer Geschwindigkeit von sechs Knoten durch den Widerstand der Wasserverdrängung gezogen. Welcher Unterschied zwischen dem theoretisch angelernten Wissen von der Bedeutung dieser Kraft und der sinnlichen Erfahrung, eine Leine in der Hand zu halten, die durch die Zugkraft hart wie ein vibrierender Stahlstab ist und sich wie angeschmiedet um die Trommel der Winsch legt. Das Wissen um die brachialen Kräfte, die es im Zaum zu halten gilt, verdichtet sich im Be-greifen zu plastisch erfahrener Gewissheit.

Kurzes Atemholen, Beobachten, kauernd auf dem erhöhten Holzdeck am Mast, dann der Achterbahnweg zurück ins Ruderhaus. Am Platz vor dem Kartentisch einen gesicherten Stand finden. Auch hier die Regel "Eine Hand für´s Schiff, eine für den Mann". Studium der Karten, Messung von Distanzen, Geschwindigkeit, Zeit. Für´s Logbuch und zur eigenen Ermutigung. Zurückgelegte Strecke, Entfernung zum Ziel, durchschnittliches Tempo. Und noch eine Entfernung - nicht aus falscher Angst, sondern aus berechtigter Vorsorge: Kürzeste "Querab"-Distanz zum Land. Ruhiges Rekapitulieren verschiedener Szenarien für Notfälle. Was tun, wenn .... Der eigenen Beherztheit zur Nahrung angeboten: Wir sind gerüstet, wir wissen in allen denkbaren Fällen, was zu tun ist und wir werden es tun. Möglichst rasch, aber ohne Hast. "Keine Panik" - der Allgemeinplatz als vorbeugendes Mantra, der Möglichkeit drohender Gefahren entgegengehalten wie ein schützendes Amulett. Irgendwo im dämmrigen Hintergrund aller Überlegungen lauert die Furcht vor Situationen, die nicht vorhergesehen wurden, Eventualitäten die sich jeder vorausschauenden Kalkulation entziehen. Bevor diese Furcht mit ihrer nicht greifbaren Drohung ihr lähmendes Gift verbreitet, wird sie unwillig zur Seite geschoben, als unerwünschter Ballast der eigenen Befindlichkeit aus dem Bewusstsein verbannt.

In spitzem Winkel kommt die Küste näher. Erste Landmarken werden ausgemacht, angepeilt, identifiziert. Erleichtert begrüßte Konturen nach vielen Stunden gleichförmiger Weite. Trotzdem ergibt die Berechnung der restlichen Fahrtzeit noch immer Stunden, von denen zu hoffen ist, dass der Vorrat an physischer und psychischer Kondition nicht zu schnell aufgebraucht ist, dass Entscheidungen überlegt und entschlossen gefällt, Tätigkeiten sicher und kraftvoll erledigt werden können.
Eine Zigarette rauchen, Wasser trinken, Logbuch, Ausguck.
Gedanken, die vage vorbeidriften vor dem Hintergrund der alle Aufmerksamkeit erheischenden Situation. Wie das Kritzeln auf einen Notizblock während eines langatmigen Telefongesprächs ein beiläufiges Fortsetzen der Überlegungen beim "Begreifen" des Taus an Deck. Wie wenig man doch wirklich "begriffen" hat, wie unvollkommen man durch abstrakte Begriffe begreifen kann. "Globalisierung" ohne ein Jahr in einem asiatischen "Sweat-Shop" gerackert zu haben, "Klimakatastrophe" ohne bei fünfzig Grad im Schatten am ausgetrockneten Aral-See durch Felder von Fischgerippen gelaufen zu sein, "Ethik" ohne jemals im tiefsten Vertrauen belogen, mit dem Verlust der Existenz erpresst, oder der Zerstörung von Gesundheit und Leben bedroht worden zu sein. Beim Griff an eine Leine ahnen, wie wenig man in der letztendlichen Bedeutung des Wortes je etwas "begriffen" hat, während man meinte, wissend Entscheidungen treffen und Meinungen äußern zu können. Irreführend und lächerlich vor diesem Hintergrund, von einer "Informationsgesellschaft" Wissen, Klugheit oder gar Weisheit zu erwarten. Die leise Angst davor, wohin dieser Irrtum die Gesellschaft, das Land, die Welt führen könnte - und man selbst als winziger Teil dazwischen, wie auf diesem Boot, auf diesem Meer umhergeworfen.

Schließlich ist die Querab-Position zum Eingang der Hafenbucht erreicht. Der Seegang verbietet jedoch, die Bucht direkt anzulaufen, um die Breitseite des Schiffs nicht der Wucht der unvermindert hoch anrollenden Wellen auszusetzen. Also wird der Kurs nach wohlüberlegter Strategie beibehalten, dem Impuls nicht entsprochen, möglichst "schnell" ans bereits in Sichtweite liegende Ziel zu kommen. Die Drehzahl des bisher aus Sicherheitsgründen nur im Standgas mitlaufenden Motors wird erhöht.
Raus aufs Deck. Die Schot des Vorsegels wird vorsichtig gelöst, das Segel so weit ausgelassen, bis es eingerollt werden kann. Die inzwischen erreichte Position zum Eingang der Bucht beobachten und zurück ins Ruderhaus. Positionsbestimmung an der Karte, messen des Winkels zum Zielpunkt. Die Wellen nehmen spürbar ab, das Schiff kommt in den "Schatten" des Kaps, das die Bucht zur offenen See abgrenzt. Beobachten, warten, abschätzen. Dann ein beherzter Griff ins Steuerrad, das Schiff wendet im spitzen Winkel um fast dreihundertsechzig Grad. Mitten in der Bewegung der gefürchtete Moment, in dem die Flanke des Schiffs mit voller Breite dem Gang der Wellen ausgesetzt ist. Das Gefahrenpotential durch die enge Kehre auf ein Minimum von wenigen Sekunden reduziert, die den Puls beschleunigen, das Herz gegen den Hals klopfen lassen, den Schweiß treiben in Handflächen, die den Metallring des Steuerrads fest umfassen.

Das Schiff stampft nun schräg gegen die Wellen an, die mit jedem zurückgelegten Meter schwächer werden. Nach kurzer Zeit ist der Schutz der Bucht erreicht. Nur von jenseits des felsigen Kaps brüllt noch rhythmisch die Brandung. Leiser werdend wie ein verröchelndes Ungetüm, dem man glücklich entkommen ist. Langsam löst sich die Spannung, während der Blick sich erleichtert freut an einer alten Festung, einem hübschen Städtchen. Da! Der Hafen wird ausgemacht. Umrundung der Hafenmauer, Passieren der Einfahrt. Auf dem Pier Menschen, die freundlich winken. Hierher! Vorsichtige Näherung, bis das Schiff längsseits sanft in eine Lücke treibt. Leinen werden geworfen und aufgenommen. Maschine aus.
Fragen nach der Reise - wie war´s da draußen?
Beeindruckend.

"Da antwortete der Herr Hiob aus dem Sturm und sprach" (Buch Hiob Kapitel 38, Vers 1)
Dieser Text basiert auf den Erlebnissen einiger Sturm- bzw Starkwindfahrten mit Windstärken bis 7 Beaufort und Wellenhöhen bis ca. 2 Meter bei einer Frequenz, d.h. einem Abstand von Wellenkamm zu Wellenkamm von weniger als 10 Metern (!). Das bedeutet, dass das Boot stets mit 2 Wellen gleichzeitig zu kämpfen hatte. Für Laien: Eine "Zweimeter-Welle" besagt nicht sehr viel über ein Gefahrenpotential. Auf dem Atlantik kann eine 10 oder 15 Meter hohe Welle mit einer Frequenz von einer Meile (1830 m) oder mehr relativ ruhiges Segeln über sanfte Wasserhügel erlauben, während bereits 1m hohe Wellen mit entsprechend kurzer Frequenz von wenigen Metern eine große Belastung für Mensch und Material darstellen können. Dank der für nordische Verhältnisse konzipierten Schwerwettertauglichkeit unseres Schiffs mit seinem ausladenden Bug und seinem extrem hohen und runden "Kanuheck" blieb das Deck bei allen Fahrten weitgehend trocken. Moderne "Cruiser-Racer" sind im wahrsten Sinn "schnittiger". Sie schneiden die Wellen an, wodurch sie schneller sind und oft weicher in die Welle einsetzen, sich dadurch jedoch bei hoher Welle partiell als U-Boot betätigen. Segel: wir haben die Wanten des Hauptmasts sorgfältig auf ihre Kraftverteilung geprüft, die Befestigung des Vorstags am Masttop verstärkt und an der Basis die Gegenplatte der Halterung durch ein speziell eingepasstes trapezförmiges Edelstahlteil auf das Zehnfache der Fläche vergrößert. Dadurch konnten wir es wagen, teilweise auch bei 6-7 Bft. achterlichem Wind noch eine ganz oder fast ganz ausgefahrene Rollgenua zu fahren.
Der erfahrene und verantwortungsvolle Segler wird bei solchen Bedingungen nie auslaufen. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass sich selbst bei sorgfältigster Planung die Wetterverhältnisse während der Fahrt entgegen jeder Vorhersage drastisch ändern. Im Mittelmeerraum entwickeln sich durch die besonderen geographischen Gegebenheiten eigenständige Wettersysteme, die oft schwer vorhersehbar sind. Wir konsultieren täglich 3 voneinander unabhängige Wetterdienste per Kurzwellenfax und Internet. Trotzdem wurden wir einige Male von Entwicklungen überrascht, die nicht einmal als Möglichkeit von einer Prognose erwähnt wurden. Teilweise frischte der Wind innerhalb von 5 Minuten (!) von 2 Bft. auf 6 Bft. auf und fast ebenso schnell erhöhte sich der Seegang von wenigen Zentimetern auf 1-1,5 Meter. Es muss aber erwähnt werden, dass wir in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle durch das Studium der Wetterentwicklungen vor bösen Überraschungen bewahrt blieben.
Zur Gestaltung des Textes: er wurde bewusst weder als "Ich - Erzählung" noch in der dritten Person gestaltet, um den Leser aus der Zuschauer-Position zu holen.
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