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Weil jetzo alles stille ist

Und alle Menschen schlafen,

Mein Seel das ew'ge Licht begrüßt,

Ruht wie ein Schiff im Hafen.

(Eichendorff Gedichte)

 

Dümpeln in der Metapher

Selbst wo der Weg das Ziel ist, beginnt dieser Weg an einem Punkt und endet an einem anderen. Außer es geht uns der Treibstoff aus oder es gibt Flaute oder beides kommt zusammen, was Neptun und alle sonst noch eventuell beteiligten Götter (in Griechenland zum Beispiel sollte man sich da nie so ganz sicher sein) verhüten mögen. Und dann gibt es da noch die von Goethe beschriebene Möglichkeit:

Vollendest so nach deiner Art

Mit stillen Freuden deine Fahrt.

Besonders, wenn dich's nicht verdrießt,

Wo sich der Weg im Kreise schließt;

Der Weltumsegler freudig trifft

Den Hafen, wo er ausgeschifft.

Das klingt zwar im Versmaß verdächtig nach Wilhelm Busch, aber Goethe rettet in diesem Fall die Gnade der frühen Geburt und das Verslein zeigt immerhin, dass der Dichter die Erkenntnis der Erde als Kugel in seine Lyrik einbezog. Dass also der wackere Schiffer nur genügend Sturheit aufbringen muss, um wieder an dem einen Punkt zu landen, wo er losgefahren ist. In diesem Falle muss der Sinn der Fahrt also irgendwo anders als im Ausgangs- oder Ankunftsort liegen, was wiederum darauf hinweist, dass Goethe auch bereits von dem Sprüchlein betreffs "der Weg ist das Ziel" gewusst haben könnte.
Fest steht damit jedoch, dass keine Seereise ohne gewisse Punkte des Wohin und Woher auskommt. Und diese Punkte werden im allgemeinen als Hafen bezeichnet, auch wenn sie diesen Namen genau besehen nicht immer verdienen, wovon noch zu reden sein wird. Fehlen diese Punkte, wird es ziemlich mühsam, wie bereits ein Dichter und Denker formulierte, den die literarische Welt im Allgemeinen nicht unbedingt als Verfasser von Seestücken gewürdigt hat:

Habe ich - noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem mein Segel läuft? Einen guten Wind? Ach, nur wer weiß, wohin er fährt, weiß auch, welcher Wind gut und sein Fahrwind ist. (Nietzsche: Also sprach Zarathustra)

Joseph Conrad (der ist schon eher bekannt als maritimer Literat) müsste vor Neid erblassen – erzählen diese schlichten Sätze doch fast einen ausgewachsenen und äußerst dramatischen Seeroman – es "fehlen" nur einige Tausend Wörter dazwischen (die Conrad und andere zur Freude ganzer Generationen von Buchhändlern später eingefügt haben).

Allerdings wußten wohl bereits weit frühere Schriftsteller um die Verwirrungen auf hoher See, auch wenn man zu bedenken geben muss, dass in diesen Zeiten die Erfindung des "Global Positioning System" (GPS) noch in weiter Ferne lag – dafür gab das Thema jedoch noch wunderbare Metaphern auf das Leben im Allgemeinen und Besonderen ab:

.... kennt man aber das höchste Gut nicht, so fehlt aller Anhalt für das Leben überhaupt, und die Irrthümer, welche hieraus entstehn, sind so gross, dass man nicht mehr weiß, in welchem Hafen man Zuflucht suchen soll. (Cicero: Fünf Bücher über das höchste Gut und Übel).

.... sofern man denn überhaupt noch einen Hafen findet. Fällt nämlich die Technik einmal aus, wäre die Kunst der Astronavigation eine äußerst wünschenswerte Fertigkeit, die jedoch heutzutage von den wenigsten Seglern noch beherrscht wird. Und das, obwohl in früheren Zeiten der Navigator als der "Kopf" eines Schiffes geachtet, wenn nicht geehrt wurde. Etwas entlastet wird der unkundige Sportsegler durch die Tatsache, dass die meisten Lehrbücher zu Spezialthemen des Yachtsports offenbar von der Didaktik weitgehend Unkundigen verfasst werden. Es genügt eben, wie in vielen anderen Fällen nicht, sich zur Weitergabe eines bestimmten Stoffes in der jeweiligen Materie auszukennen - sonst wäre jede Autobiographie ein literarisches Meisterwerk. Jeder mit unangefordert eingesandten Manuskripten überhäufte Verlagslektor wird dies seufzend bestätigen. Nur -  im Fachbuchbereich scheint noch immer die Meinung vorzuherrschen, dass spezifische Fachkenntnisse selbst die Grundregeln schriftstellerischer Praxis mühelos ersetzen können. Wie auch in der Sportschifffahrt das GPS an Bord zu implizieren scheint, dass damit selbst die Kenntnis navigatorischer Grundfertigkeiten überflüssig sei. Denn ist es nach Ausfall des GPS-Geräts auch noch um die Kenntnis der Deviation und Ablenkung bei der Kompassnavigation schlecht bestellt und kein Land mehr in Sicht, oder die Nacht bereits hereingebrochen, so ist die zuvor angeführte Metapher Ciceros noch eine dezente Untertreibung der zu befürchtenden Verwirrungen und Gefahren und Heinrich Heine lässt einen gewissen Herrn von Schnabelewopski in seinen Memoiren das entsprechende Schicksal beschreiben:

Die Fabel von dem Fliegenden Holländer ist euch gewiß bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hafen gelangen kann und jetzt schon seit undenklicher Zeit auf dem Meere herumfährt.

Und wenn es nicht zu solch mystischem Schicksal reicht, ist dem armen Seefahrer nur zu wünschen, dass im besten Falle ein Szenario aus Goethes Tragödie "Faust" eintritt:

 

 

 

 

Dort im Fernsten ziehen Segel,

Suchen nächtlich sichern Port.

Kennen doch ihr Nest die Vögel;

Denn jetzt ist der Hafen dort.

So erblickst du in der Weite

Erst des Meeres blauen Saum,

Rechts und links, in aller Breite,

Dichtgedrängt bewohnten Raum.

In diesem Fall ginge es dann nur noch darum, heil anzukommen, aber vor dieses Glück haben die oben erwähnten Götter - ach! - noch so manches Hindernis gesetzt. Gilt es doch nun, kenntnisreich eine Karte deuten zu können, gut Ausguck zu halten, Seezeichen zu beachten und sich nicht in den Distanzen zu irren. Recht drastisch und bitter hat der Nordmeerkenner Kirkegaard die Klage an einen unfähigen Skipper formuliert, dessen Fähigkeiten anscheinend eher mit einem kaputten Echolot, als mit einem vorausschauenden Radar zu vergleichen sind:

Du gleichst in gewissem Sinn einem Lotsen, und bist doch gerade das Gegenteil eines solchen. Ein Lotse kennt die Gefahren und führt das Schiff sicher zum Hafen; Du kennst den Grund des Meeres und setzt das Schiff immer auf den Grund ("Entweder-Oder").

Zum Glück scheint es jedoch immer wieder beherzte Menschen in der Crew zu geben, die in solchen Fällen entschlossen und erfolgreich eingreifen. Wenn diese danach zu etwas archaischen Schlüssen gelangen, muss sich der glücklose Skipper nicht weiter wundern (um es mit Gevatter Busch auszudrücken: "Das kommt von Das"):

Ich sah das Schiff, vom Sturm umhergeschlagen,

Der Klippe nah, an der es scheitern mußte,

Und sprang hinzu - von seinem Platze drängt' ich

Den schwachen Steurer, und mit fester Hand

Bracht' ich das Schiff, geborgen, in den Hafen.

Es war noch immer, wo es galt zu retten,

Das Recht des Stärkern nicht das schlechtste Recht.

(Fontane: Gedichte)

Dass eine Crew nach solch einem Erlebnis in derselben Konstellation den Hafen wieder verlässt um den Urlaubstörn fortzusetzen, ist allerdings nicht unbedingt anzunehmen. Wahrscheinlich überwiegt jedoch zuerst einmal die Erleichterung – vor allem, wenn ein annehmbarer Hafen erreicht wurde. Auf was es dabei zuallererst ankommt, steht bereits bei Baron Münchhausen nachzulesen:

.... sahen wir Land und nicht weit von uns einen Hafen, auf den wir zusegelten und den wir sehr geräumig und tief fanden.

Danach die weiteren Kriterien:

Wir liefen in einen bequemen Hafen ein, gingen an das Ufer und fanden das Land bewohnt.

Dass mit einer solch schlichten Aussage heute der Wunsch nach einer komfortablen Marina mit Strom- und Wasseranschluss, heißer Dusche, Waschmaschine, Supermarkt, Kartentelefon und Internetzugang verbunden sein könnte, hätte sich der einfallsreiche Adlige selbst in seiner blühendsten Phantasie nicht träumen lassen. Allerdings hatte er sicher auch keine Vorstellung davon, welche Steuern, Gebühren und Einzelhandelspreise zuweilen für diesen Komfort erhoben werden – er hätte ansonsten in seiner lebendigen Fabulierlust seinen berühmten Memoiren sicher noch ein Kapitel über Strandpiraten angefügt, die ihr Tätigkeitsfeld mittlerweile hinter computerbestückte Schreibtische und kleine Ladentheken verlagert haben. Ganz leise und wehmütig klingt da ein Lied aus vermutlich besseren Zeiten herüber, als der müde Seereisende mit großherzigen Worten begrüßt wurde:

Seid Menschen. Ladet aus, um euer Schiff zu bessern; handelt in dem Hafen, frei wie wir. Dann segelt fort mit gutem Glück. (Herder: Briefe zur Beförderung der Humanität)

Und doch wird wohl die Erleichterung darüber, sicher in einem Hafen gelandet zu sein, in den meisten Fällen überwiegen wie aus der Empfehlung an den berühmtesten Skipper der Geschichte zu entnehmen ist:

Nach dem Sturm Odysseus, ruht!

Sturm und Woge sind entschlafen,

Die durch Zonen, kalt und feucht,

Dürr und glühend, ihn gescheucht

Seines Wonnelandes Hafen

Hat der Dulder nun erreicht.

(Bürger: Gedichte - Ausgabe 1789)

Dieser erhabene Augenblick scheint sich so manchem Schriftsteller im Übertragenen und ganz Direkten so plastisch und eindrücklich darzustellen, dass es ihm einer Bemerkung wert schien. Und auch der noch immer von der Crew herzhaft gepflegte Brauch, das Ereignis unter Hinzuziehung geistiger Getränke zu pflegen, wird nicht unterschlagen:

Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat,

Und hinter sich ließ das Meer und die Stürme,

Und jetzo warm und ruhig sitzt

Im guten Ratskeller zu Bremen.

(Heine: Buch der Lieder)

Und Boethius schließt daran in seinen "Tröstungen der Philosophie" an:

Hier nur winkt euch Ruhe von allen Ängsten,

Hier ein Hafen in ewig holder Stille

Ja – diese lyrischen Zeiten wussten eben noch nichts von großvolumigen Hifi-Anlagen mit wasserfesten Außenbordlautsprechern, die vornehmlich auf mehrstöckigen Luxusmotoryachten die nähere und weitere Umgebung mit allem beschallen, was dem jeweiligen Eigner je nach Kulturverständnis hörenswert erscheint. Interessant hierbei, dass augenscheinlich ausgeprägt vorhandenes Kapital in oft geradezu erbärmlichem Missverhältnis zur Ausprägung der kulturellen Neigungen steht. Auch eine sündteure Unterhose sollte eben in der Öffentlichkeit nicht als einziges Bekleidungsstück getragen werden. Glücklich in diesem Fall der Eigner eines kleinen Segelbootes, der weit entfernt von den "Quais de Honeur" sein Schiffchen an einem abgelegenen Steg festgemacht hat und es ungestört Chamissos Peter Schlemihl nachtun kann:

i

Nach allen Stürmen wollen wir im Hafen

Doch ungestört gesunden Schlafes schlafen.

 

Diese holden Annehmlichkeiten haben viele Schriftsteller dazu verführt, eine religiös, gesellschaftlich und staatlich sanktionierte Einrichtung mit der Metapher des Hafens zu belegen:

Sie gehen mit vollen Segeln auf dem Ozean der Liebe, und ehe der Mond sich erneut, sind sie in den Hafen der Ehe eingelaufen. (Kleist: Das Käthchen von Heilbronn)

Wie jeder Vergleich hat auch dieser sein Hinkebein, laufen doch die meisten Schiffe nur in einen Hafen ein, um bei nächstmöglich sich bietender Gelegenheit auch wieder "auf zu neuen Ufern!" auszulaufen. Denn ein Hafen, aus dem kein Schiff mehr ausläuft, ist wohl eher als Schiffsfriedhof zu bezeichnen. Was diesen Teil der Metapher betrifft, dürfte bei allen genannten Institutionen Übereinstimmung darin herrschen, ihn einfach zu ignorieren, vorsichtiger mit wohlfeilen Metaphern im allgemeinen umzugehen oder sie am besten gleich ganz wegzulassen, um solch ketzerischen Gedanken von vornherein den Nährboden zu entziehen. Zudem Kleists Sentenz suggeriert, dass hier von zwei recht unterschiedlichen Zuständen die Rede ist und "Liebe" und "Ehe" nicht unbedingt das gleiche sein müssen, so wenig wie der wild schäumende Ozean und der stille Hafen. Und sollte sich doch einmal beides vermischen, verheißt die Metapher verheerende Folgen:

..... siedend und schäumend wallt das Meer im Hafen empor und zerschmettert die vor Anker liegenden Schiffe. (Voltaire: Kandid oder die beste Welt)

Vielleicht diente die Metapher des Hafens auch aus diesem Grunde Schopenhauer eher zu misanthropischem Geunke:

... nur mit falschem Scheine lockt ihn der finstere kühle Orkus als Hafen der Ruhe. (Die Welt als Wille und Vorstellung)

Die offen auf den Plattformen der Yachtdecks zur Schau gestellten Umgangsformen mancher Ehepaare untereinander scheinen dem düsteren Bild recht zu geben. Aber in ihrem Ursprung wurde die Ehe ja auch eher zu sehr praktischen und weniger zu romantischen Zwecken erfunden. Wie bitter diese Institution jedoch mitunter ohne den Zuckerguß der romantischen Ideale daherkommt, ist bei so manchem missglückten Anlegemanöver anschaulich zu beobachten und nur der hormonelle Überschwang, praktische Erwägungen oder altersweise Einlassungen können jugendliche Beobachter solcher Ereignisse wohl in diesem Fall noch vom Sinn einer Eheschließung überzeugen. Insofern bedarf es nicht einmal Windstärken über sechs Beauford, um aus dem Beobachterstand des eigenen Cockpits heraus unter Zuhilfenahme eines gut gemixten Martinis mit Raabe zu konstatieren:

.... süß ist´s, vom sicheren Hafen Schiffbrüchige zu sehen. (Die Chronik der Sperlingsgasse).

Aber wie in der Liebe, so hat eben alles im Leben seine Halbwertszeiten und gäbe es nicht so wunderbare Regungen wie die Hoffnung, die Menschheit würde kollektiv verdruckst das Leben in vermeintlich sicheren Häfen welcher Art auch immer vergeuden. Im glücklicheren Fall jedoch greift im besten Sinne Schillers "Erwartung und Erfüllung":

In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling,

Still, auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis.

(Gedichte 1789-1805)

Also liegt in der Metapher des Hafens auch unbedingt die Mahnung, ihn zum richtigen Zeitpunkt frohgemut wieder zu verlassen. Und sich daher, wie metaphorisch - das heißt in seinen ureigensten Intensionen - so auch in der ganz realen Praxis nie allzu weit vom Hafen zu entfernen, um im Übertragenen wie Realen die Gelegenheit günstiger Winde nicht zu verpassen:

Wenn du auf einer Seereise, während das Schiff im Hafen liegt, ausgehst, um Wasser zu schöpfen, so hebst du wohl nebenbei auch ein Muschelchen oder Zwiebelchen am Wege auf; deine Gedanken aber musst du auf das Schiff gerichtet haben, und fleißig zurückschauen, ob nicht etwa der Steuermann rufe; und wenn er ruft, so musst du alle jene Dinge zurücklassen, damit du nicht gebunden hineingeworfen werdest, wie die Schafe. (Epiktet: Handbüchlein der stoischen Moral)

Sind die Konditionen jedoch günstig, gestalten sich die Verhältnisse an der Ostsee nicht anders wie im Mittelmeer, am Atlantik oder eben in Peter Schlemihls Reiseberichten:

... an diesem selben Morgen waren sehr viele Schiffe, die widrige Winde im Hafen zurückgehalten, ausgelaufen, alle nach anderen Weltstrichen, alle nach anderen Küsten bestimmt, ....

Und so gibt es oft ein Drängeln und ungeduldiges Warten, bis endlich alle Yachten in langer Kette dem offenen Meer zustreben. Die Crew teils fröhlich winkend, teils mit stolz erhobener Nase, teils den Blick schon gespannt auf die Weite gerichtet, wie wenn bereits entfernt angepeilte Ziele am Horizont auftauchen müssten. Alle Enge und Bedrängnis des Hafens liegt hinter uns, aber auch alle Annehmlichkeit. Und so mischen sich bei manchem, ist er erst einmal ausgelaufen, wie im Metaphorischen so auch im "wirklichen Leben" wie bei Hölderlin beschrieben die Gefühle:

Ein frischer Bergwind trieb mich aus dem Hafen von Smyrna. Mit einer wunderbaren Ruhe, recht, wie ein Kind, das nichts vom nächsten Augenblicke weiß, lag ich so da auf meinem Schiffe, und sah die Bäume und Moskeen dieser Stadt an, meine grünen Gänge an dem Ufer, meinen Fußsteig zur Akropolis hinauf, das sah ich an, und ließ es weiter gehn und immer weiter; wie ich aber nun aufs hohe Meer hinauskam, und alles nach und nach hinabsank, wie ein Sarg ins Grab, da mit einmal war es auch, als wäre mein Herz gebrochen - o Himmel! schrie ich, und alles Leben in mir erwacht' und rang, die fliehende Gegenwart zu halten, aber sie war dahin, dahin! (Hyperion oder der Eremit in Griechenland)

 

 

Finis