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| August 2002. Segeltörn
mit der UNITY von Syvota (griechisches Festland) nach Lakkas (Insel
Paxos). Kurs SüdSüdWest. 14 Seemeilen Distanz. Wind NordNordWest,
zwei bis drei Beaufort.
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Das Leben ist eine Ansichtskarte |
| mit viel Blau: Gläsernes
Blaugrün (Meer), dunkles Ultramarin (Himmel oben), helles Stahlblau
(Himmel über dem Horizont), mattes, milchiges Dunkelblau und Indigo
(Berge im Hintergrund). Damit man nicht ersäuft in diesem vielen Blau
gibt es harmonische Braun- und Ockertöne (Berge und Ufer im Vordergrund,
Schiffsdeck, Reling). Und dann natürlich Weiß (Wolken, Segel, Horizont). |
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| Als Ansichtskarte wäre das
kitschig und wenn man mitten drin sitzt, ist es – auch kitschig.
Weshalb es der Seele gut tut, wie Kitsch das eben an sich hat. Viele
Menschen behaupten heute, keine Seele zu haben und deshalb gibt es
auch immer weniger Kitsch. Bis sich dann beides, der Kitsch und die
Seele, wieder Bahn bricht in neu gefundenen Formen. Und dann ist es
eben "moderner" Kitsch. Nur die Seele bleibt, was sie
immer war. Und das Blau und Weiß und Ocker bleiben das auch. Und
ihr Geist gibt Zeugnis dem Geist der Seele, dass sie so ewig ist,
wie das Blau, das Weiß und der Ocker. Und das gibt der Seele diesen
kleinen wohligen Stich, weil sie sich doch im Ewigen zuhause fühlt
und uns das mitteilen will. Und wir schauen auf das Blau, das Weiß
und den Ocker und fühlen: "Schön ......". Manchmal
denken wir das auch oder sagen es sogar. Und dann ist es eben
Kitsch, wie immer wenn man "Seele" denkt oder sagt oder
sonstwie nach außen kehrt. |
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Unser Schiff hat auch eine
Seele, denn es ist zwanzig Jahre alt und alle Dinge, die alt sind,
bekommen mit jedem Jahr ihres Alters etwas ab von der Seele der Menschen,
die mit ihnen umgehen, was sich ansetzt wie eine Patina. Ein wenig davon
haben wir abgekratzt, ausgemüllt, weil es zur Seele der Vorbesitzer
gehörte. Bis wir wieder die möglichst reine Seele des Schiffs spürten (darum
geht es uns ja seit alters her – um die Reinheit der Seele) – oder die
Seele der Generationen von Schiffsbauern, Seeleuten und Konstrukteuren,
durch deren Erfahrung und Wissen unser Schiff zu dem wurde, was es heute
ist. Diese Seele ist noch viel älter als unser Schiff und ein Teil davon
sitzt tief im Wasser, wiegt mehrere Tonnen und ist fast so lang wie der
Schiffsrumpf: Ein Langkiel (länger als in der
Abbildung links), der uns unbeirrt auf Kurs hält,
wie bereits die Vorfahren unseres Schiffs - Fischkutter in rauen
Gewässern. Alle Hände bei der Arbeit, das Schiff musste mitarbeiten,
selbständig und verlässlich sein. Auch der Schiffsrumpf zeugt von dieser
Abstammung, weshalb er viel Platz hat – früher für den Fisch, heute
für die Küchenzeile, den Salon und die Seelen der Passagiere. Und wenn
diese nicht achtgeben, überwuchert ihre Seele eben den vielen Platz und
wieder gibt es, wie immer, wenn wir unsere Seele nach außen kehren, –
Kitsch. |
| Den Kitsch, den wir vorfanden
– geschnörkelte Lampen, gerahmte Bildchen, gerüschte und gemusterte
Vorhänge, Nippes, Plastik – haben wir entfernt und uns vorgenommen,
unsere Seele in Zaum zu halten, damit nicht allzu viel neuer Kitsch
entsteht. |
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| Denn was uns umgibt,
reicht bereits vollauf, sodass wir nur ganz leise "Schön" sagen
und ansonsten ganz cool bleiben. Elisabeth liegt auf dem warmen
Holzdeck und döst, während ich im Schatten des Besansegels aus
einem Regiestuhl heraus Philosophisches vorlese: "... und
spezifisch modern ist die humane festliche Mutation in der Mimesis
an die Technik, im Einswerden mit .... " .... oder so .... |
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| Was bleibt ansonsten mitten im
Kitschigen (oder Beseelten) zu tun? Kitschiges und Beseeltes. Ausschau
nach vorbeiziehenden Fähren, Frachtern und Yachten, Betrachten des
Panoramas, der Wolken, unseres Schiffes und der Segel. Diese, gut
gegeneinander getrimmt, helfen dem langen Kiel, das Schiff ohne
Korrekturen auf seinem Kurs zu halten. Dadurch entsteht Zeit - wir haben
ein Schiff, das Zeit erzeugt. Dadurch, dass es seine Arbeit ohne unser
Zutun erledigt und dadurch, dass es selbst sich Zeit nimmt - ruhig und
gelassen die niedrigen Wellen durchpflügt. Ein Knoten Fahrt pro
Windstärke. Wohltuend untauglich für Regatten und Wettbewerbe, ideal, um
die Seele in mediterranen Gefilden spazieren zu fahren. Ankommen mutiert
vom Hauptzweck zum Teil eines Seins im Gesamten, in dem "die
Fahrt" mit allem Fühl- und Erlebbaren eine unaufdringliche
Wichtigkeit einnimmt, neben der für viele andere Dinge episch
dimensionierte Freiräume bleiben. Für die Seele zum Beispiel. Das nennt
man dann Fahrtensegeln und das ist im Zeitalter der "Round-the-World"-Rennen
so schön und so sehr der Seele gemäß, dass es eben kitschig ist. Wer
meint, keine Seele zu haben oder zu brauchen, soll surfen oder ein
Motorboot kaufen. Oder Ellen Mc. Arthur heiraten, die weint wenigstens
(wegen Ihrer Seele, oder weil sie diese nicht mehr findet zwischen ihrem
Hightec oder weil ihre radikale Rennschüssel gar keine mehr hat?). |
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| Wir baden. Wenn der Wind am Mittag
fast einschläft und die Geschwindigkeit des Schiffes bei 1-2 Knoten
liegt, werfen wir einen Schwimmring ins Wasser, lassen 30 Meter
Leine daran aus und schwimmen abwechselnd mit dem Schiff um die
Wette. Und wenn wir die Wette verlieren, ziehen wir uns gegenseitig
an der Leine zurück zur Badeplattform am Heck. Manchmal nehmen wir
Taucherbrille und Schwimmflossen mit ins Wasser und betrachten unser
Schiff von unten. Wie es als dicker Walfisch im klaren Wasser über
uns zu schweben scheint, während die Sonne helle Bahnen am
Schiffskörper vorbei durch das Wasser zieht und wir uns klein und
leicht fühlen, während wir kameradschaftlich neben dem breiten,
vertrauenerweckenden Rumpf über die dunkelblauen Abgründe, die
sich unendlich unter uns erstrecken, hinweg gleiten. |
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| Gegen Abend frischt der Wind auf
und wir bieten ihm zusätzlich zur bereits gesetzten Genua und dem
Besansegel am hinteren Mast das Großsegel am Hauptmast an, worauf
sich das Schiff um ein paar zusätzliche Grade zur Seite und so weit ins Zeug
legt, dass wir mit vier bis fünf Knoten durch die glitzernde See
pflügen, bis sich die Bucht von Lakka vor uns auftut. Teile ihrer
Ufer bereits im Schatten der umstehenden Berge, der Rest
weichgezeichnet durch von
der tief stehenden Sonne warm beleuchteten Dunst.
Ankern mit Panoramasicht auf das in die Mulde am Ende der Bucht
gebettete Dorf. Ist das kitschig .... |
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Unsere Seelen lächeln. |
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