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Der "Specialist"

Sie kann die schönste Frau der Welt sein und er der dümmste Mann - wenn sie ihn zum fünfzigsten Mal versetzt hat, wird er die Vergeblichkeit seiner Ambitionen einsehen; es sei denn, er empfände eine perverse Lust daran, sich immer und immer wieder enttäuschen zu lassen.

Auch Lutger hatte immer wieder neue Termine abgemacht und immer wieder neue Absprachen getroffen. Die Termine waren immer wieder ungenutzt verstrichen, die Absprachen wurden immer wieder missachtet. Dabei handelte es sich bei den Rendezvous nicht einmal um Schäferstündchen mit einer kapriziösen Schönheit - es waren meist schlecht rasierte Männer in fadenscheinigen Flanellhemden und abgewetzten Jeans, auf die Lutger auch beim fünfzigsten Mal vergeblich wartete, nachdem er zuvor ungläubig Termin auf Termin und Absprache auf Absprache gesetzt hatte. Zuletzt blieb ihm jedoch nur die Vermutung, dass es sich um einen weit verbreiteten genetischen Defekt handeln müsse, eine mentale Besonderheit der Bevölkerung oder eine gesellschaftliche Absprache, nach der es als unanständig galt, pünktlich und zuverlässig zu sein. Falls dem so war, hielten sich griechische Handwerker mit ausnahmsloser Hingabe an diese Konvention.

Also musste Lutger lernen, an seiner jüngst erworbenen Yacht die Beschläge selbst anzubringen und die technischen Installationen selbst vorzunehmen. Und das war gut so: er lernte sein Schiff kennen vom ramponierten Kiel bis zum verbogenen Windmesser am Masttop und von der Strom fressenden Ankerwisch am Bug bis zur lecken Hydrauliksteuerung im Heck. Später würde er sich ohnehin selbst helfen müssen: in den meisten Gegenden der weit verzweigten griechischen Segelreviere sind keine ausgebildeten Handwerker zu bekommen, geschickte Fachkräfte schon gar nicht. 

Außerdem hatten eigene Erfahrungen und die Erzählungen anderer Segler gezeigt: wenn doch einmal ein "Specialist" gegen ein stattliches Honorar Hand anlegt, führt das oft nach recht kurzer Zeit zum Nervenzusammenbruch des Auftraggebers. Vor allem, wenn Letzterer einem in südlichen Ländern noch immer weit verbreiteten Missverständnis auffliegt: unter den Handwerkern Griechenlands gibt es nur "Specialists", wie es bei den Ladengeschäften auch nur "Supermarkets" gibt; selbst wenn unter dieser stolzen Firmierung nur ein röchelnder Kühlschrank mit zwei Sorten von Getränkedosen existiert, ergänzt durch drei wacklige Regale; darauf ist dann vom Kloreiniger über Anglerbedarf bis zum offen aus Säcken verkauften Reis alles in kunterbunter Eintracht zusammengestopft.

Im Verhältnis zwischen dem Versprechen der Firmierung und der Qualität des Angebots verhält es sich bei einem "Specialist" recht ähnlich. Er begutachtet gegebenenfalls den an einem geheimnisvollen Leiden darnieder liegenden Schiffsmotor und verkündet nach eingehendem Studium des Typenschilds triumphierend "Ah - it´s a Ford!" (oder was immer er als Hersteller identifizieren kann). Danach erheischt er Beifall für seine Kenntnisse des lateinischen Schriftbilds. 

Mit gelindem Entsetzen erinnerte sich Lutger an ihr einige Monate zurückliegendes Erlebnis in einer großen griechischen Marina. Wasser im Motoröl ihrer Maschine hatte dringenden Inspektionsbedarf angezeigt. Der einheimische "Specialist" hatte nach seinem Eintreffen fachmännisch festgestellt, dass es sich bei dem blaumetalligen Ungetüm tief unter dem Boden des Ruderhauses wirklich um einen Motor handelte. Dann zückte er mit wichtiger Mine sein Mobiltelefon. In lässiger Geste stützte er sich dabei mit seinem ölverschmierten Ellbogen auf die helle Stofflehne des Sofas. Gebieterisch referierte er etwas Griechisches an einen augenscheinlich recht begriffsstutzigen Gesprächspartner, das Gerät in der Form eines kleinen Marzipanbrotes drückte er dabei heftig an sein Ohr - sein Zutrauen zur Funkleistung schien offensichtlich nicht sehr ausgeprägt zu sein und so spie er seine Botschaft in gellenden, abgehackten Sätzen aus. 

Die Lehne des Sofas bekam einstweilen von den zahlreichen Ölflecken ein chaotisches Tüpfelmuster, wodurch bereits zu diesem Zeitpunkt der erste Nervenzusammenbruch in Sichtweite kam. In diesem Fall von Lutgers Gattin, die erst wenige Wochen zuvor in langen Abendstunden die Polsterbezüge genäht hatte. Nun versuchte sie sich mit entsetzter Mine zu erinnern, in welchem Fach die Gallseife verstaut war: Ölflecken in der Qualität, die der "Specialist" gerade produzierte, konnten mit normalem Waschmittel wohl nicht mehr getilgt werden. 

Den nächsten Schock bekam Lutger. Der "Specialist" verkündete nach Beendigung seines ausgiebigen Telefonats, dass er beabsichtige, den Motor aus dem Schiff zu entfernen - dem Patienten gönnte er bei dieser Erklärung allerdings keinen weiteren Blick. Lutger schaute ratlos auf den mehrere hundert Kilo schweren Schiffsdiesel, die mächtigen Ausmaße des Motorblocks und die bescheidene Größe der Schiebetüren, die vom Ruderhaus auf´s Deck führten. Er stellte trotzdem mutig die entscheidende Frage nach den voraussichtlichen Kosten. Die Antwort bedeutete ein tödliches Massaker in der Bordkasse. Mindestens. Denn es wurde mit einem "Minimum" angedeutet, dass dieser Betrag ohne Not weit und unabsehbar überschritten werden konnte. Als die Frage nach der voraussichtlichen Reparaturdauer offen ließ, ob an ein Auslaufen in diesem Sommer überhaupt noch zu denken sei, bedankte sich Lutger  freundlich beim "Specialist" und log unverfroren, wieder von sich hören zu lassen. Dann beschloss er, entweder eine andere Möglichkeit zu finden, um den Motor wieder flott zu bekommen, oder das Schiff umgehend bei einem letzten Törn in einem Akt purer Verzweiflung zu versenken. 

Nach umfangreichen Recherchen bekam Lutger, einer Hostie gleich, ein Papierfetzchen übereicht; mit Bleistift war eine Telefonnummer darauf gekritzelt. Zwei Tage später wurden Schiff und Skipper von drohenden Verzweiflungstaten abgebracht durch einen Engel, der sinnigerweise in der Gestalt eines freundlichen Engländers erschien: Kevin, ein ausgebildeter Schiffsingenieur, der sich seit einigen Jahren in griechischen Yachthäfen verdingte. Er examinierte den Motor aufmerksam und behob danach binnen dreier Tage alle Probleme zu einem Bruchteil des "Specialist"-Minimums - selbstverständlich ohne Entfernung des Motors. Lutger assistierte gerne bei der Operation, um für allfällige Wartungsarbeiten und eventuelle Havarien etwas dazuzulernen. Nebenher gab er sein vorausgegangenes Abenteuer mit dem "Specialist" zum besten. Kevin hob kurz den Kopf aus dem Motorraum, grinste breit und tauchte nach der lapidaren Bemerkung "I know - we call them "the savages"....." zurück zum abgeschraubten Zylinderkopf.

 

Anmerkung des Verfassers: die Geschichte entstand aufgrund von Erlebnissen in der griechischen Yachtszene. Wie es qualitativ und preislich auch anders geht, wird im Bericht rechts und im Logbucheintrag unten geschildert. "Yacht-Service" bedeutet hierzulande jedoch leider oft: "Ausnehmen vermeintlich reicher Säcke um jeden Preis".

In Corfu fertigte uns der "Edelstahlspezialist" eine kleine Halterung für unser Radar. Kostenpunkt: 400 Euro cash ohne Rechnung, dafür mit mehreren Tagen Verzögerung. Danach war noch ein Edelstahlschutz für den Bug zu fertigen. Arbeitsaufwand ähnlich. Ich bekam das Teil beim örtlichen Schmied für 10 (!!!) Euro in bester handwerklicher Qualität gefertigt - passend, schnell und freundlich.

Nachtrag Juni 2004, Zitat aus dem Logbuch: An dieser Stelle muss vermerkt werden, dass wir endlich einen griechischen "Spezialisten" gefunden haben, mit dem wir sehr zufrieden sind: Chronis, "unser" Segelmacher in Athen. Ursprünglich ein Franchise-Nehmer der renommierten Firma "North Sails", hat er das Know-How, die Qualitätsstandarts und die Technik übernommen und eine eigenständige Firma "Alpha-Sails" gegründet. Chronis war stets freundlich, gab uns gute Tipps zu Segeln und Segelrevier, immer pünktlich (!) und der Endpreis war trotz Sonderwünschen einige hundert (!) Euro günstiger, wie wir erwartet hatten. Und das, obwohl er ohnehin in seinen Angeboten weit unter dem Durchschnitt deutscher Anbieter lag, was ca. 40% Ersparnis bedeutete. Daher an dieser Stelle die Telefonnummern von Chronis: 0030-210-9834064, Mobil: 0030-6944346862 - wir verdienen an diesem Tipp ebenso wenig, wie an den Berichten über unfähige "Specialists" in Griechenland, die wir nur als Empfehlung zur Vorsicht und ohne Namensnennung geschildert haben.