zum Logbuch 29. Mai 2005 zur Rubrik "Stichworte"

 

Hafenführer

Der "Sportbootführerschein See" ist der einzige papiergewordene und amtlicherseits bestempelte Befähigungsnachweis für das Bewegen eines Bootes, den ich bislang absolvierte. Grundlagen der Seemannschaft, Meteorologie, Navigation, die wichtigsten Verkehrsregeln und was all die lustigen bunten Lichtlein und Bojen auf See bedeuten. Nicht dass es nur diesen einen Schein gäbe. In einer Zeit, in der kein Hausmeister-Job mehr ohne Promotionsnachweis vergeben wird, ist das Angebot an seglerischer Befähigung aus dem Geiste des Scheins ins Unermessliche gestiegen. Die Befähigung zum Hochseesegeln (alle Gewässer jenseits der Flensburger Förde, respektive der Schlei sind hierbei als Hohe See einzustufen), zur Bedienung verschiedenster Funkgeräte (Kanal 16 muss abgehört werden - melden Sie sich von Zeit zu Zeit mit irgend einer launigen Bemerkung auf diesem Kanal, damit die Boote in Ihrer Umgebung Ihre Anwesenheit im Seegebiet registrieren), zur seemännisch-fachgerechten Reinigung der Bordtoilette, zum Bereiten fachspezifischer Sundowner (Merke: der Preis der angebotenen Weine richtet sich nach der Bootslänge (Berechnungsformel: Meter Schiffslänge x mindestens 2 Euro) - ein Neun-Euro-Wein auf einer Zwölf-Meter-Yacht bedeutet einen Faux Pas! Bier: unter 8 Meter Bootslänge nur aus der Dose, bei 8-10 Metern wahlweise Plastikbecher, über 10 Meter nur im Glas, Süßwasser ist zum Waschen da, bei Seewasser weiß der Kursleiter auch nicht so recht, wozu das gut sein soll - ein Spritzer in die Bloody Mary vielleicht?), ein spezieller Skipper-Schein (Motto: le bateau - c´est moi), der Befähigungsnachweis zum Anlaufen der Insel Helgoland (Büffeln von Zollbestimmungen für Rauchwaren und Alkoholika, wie verhalte ich mich im 10er-Päckchen?), der "Griechenlandschein" inklusive Sirtaki-Kurs und Taverna-Kunde (alle Tavernas am Hafenboulevard und alle Fischgerichte im Interesse der Bordkasse meiden), der Beiboot-Schein (höchstzulässige Personenzahl für ein 2-Meter-Dinghi? 8, nach Genuss geistiger Getränke:10), der Charter-Schein (das Mietboot sollte ungeachtet der Erfahrung des Skippers so groß sein, wie es die Urlaubskasse eben noch erlaubt, notfalls möglichst viele zahlungswillige Crewmitglieder anwerben - Faustregel: Pro BootsMeter ein Mann. Untergrenze des Leihboots: 50 Fuß. Wer schon ab 7 Beaufort die Segel refft, ist ein nichtswürdiger Warmduscher).

Um mein bedauerliches Schein-Defizit wenigstens etwas zu mildern, beobachtete ich in den letzten Jahren die offensichtlichen Multi-Schein-Skipper aufmerksam, um mein klägliches Wissen doch noch etwas aufzumöbeln. Im folgenden ein Exzerpt meiner Notizen, entstanden aus dem überreich gebotenen Anschauungsmaterial. In diesem Falle: Hafenregeln, insbesondere für Häfen, in denen mit Heckleine und Buganker festgemacht wird, oder: das Hinterlassen eines der jeweiligen Persönlichkeit angemessenen Eindrucks.

1. Fahren sie schnell in den Hafen ein. Diese Geste vermittelt allen bereits anwesenden Crews den Eindruck von Tatkraft und Entschlossenheit. Diese Regel gilt insbesondere für Häfen, die Ihnen noch nicht bekannt sind und in denen Sie noch nicht bekannt sind. Merke: der erste Eindruck zählt.

2. Unter Vollbesegelung in den Hafen einzulaufen, wird Ihnen die Bewunderung aller Anwesenden für diesen Beweis Ihrer Sportlichkeit und Risikofreude einbringen. Eventuell entstehende Schäden reguliert Ihre Versicherung ohne Probleme.

3. Wenn beim Anlaufen eines Hafens andere Boote ebenfalls Kurs auf die Hafeneinfahrt nehmen, ist dies das Zeichen zum sportlichen Wettbewerb: Versuchen Sie, mit Maschine auf Vollgas die anderen Boote auszustechen, um sich den besten der noch vorhandenen Plätze zu sichern.

4. Im Hafenbecken angekommen, werfen Sie umgehend einen Anker, um Ihr Platzrecht zu markieren, bevor sie sich nach einem geeigneten Liegeplatz umsehen. Merke: Von der Natur lernen - Nachbars Fiffi markiert ja auch sein Revier.

5. Auf der Suche nach einem geeigneten Platz ziehen Sie danach Ihren Anker über Grund hinter sich her. Sie verschaffen sich auf diese Weise einen guten Überblick darüber, wo bereits die Ankerketten anderer Boote verlegt sind. Außerdem können Sie auf diese Weise sehr schnell erkennen, welche Crews sich augenblicklich an Bord befinden - sie werden sie umgehend vom Bug ihrer Boote aus begrüßen. Merke: Unsachliches Protestgeschrei anderer Crews sollte ignoriert werden - oberstes Gebot ist, die Ruhe zu wahren.

6. Ein Mitglied der Crew sollte während des Anlegens zum Mixen der Sundowner-Coktails abgestellt werden, damit diese umgehend nach dem Anlegen bereit stehen.

7. Lassen Sie sich Zeit, bevor Sie sich für einen Platz Ihrer Wahl entscheiden. Schwoien sie derweilen frei im Hafenbecken und geben Sie den am Bug ihrer Boote postierten Crews Gelegenheit, Ihr Boot von allen Seiten in Ruhe zu begutachten. Faustregel: 30 Minuten.

8. Der richtige Zeitpunkt, die Anlegeleinen aus den Backskisten herauszusuchen, zu entwirren und zur Übergabe fertig zu machen, ist gekommen, wenn das Heck des Bootes noch 50 cm vom Pier entfernt ist. Fender können gegebenenfalls auch nach dem Anlegen angebracht werden. Sie können sich darauf verlassen, dass an den bereits angelegten Booten genügend Fender angebracht sind.

9. Das Einweisen der Crew in den Anlegevorgang und eine Verteilung der Aufgaben dabei ist nicht nur überflüssig, sondern auch äußerst kontraproduktiv. Fördern Sie die Entwicklung individueller Kreativität! Jedes Crewmitglied sollte selbst eine sinnvolle Betätigung beim Manöver finden. Außerdem werden erwachsene Menschen nicht gerne herumkommandiert.

10. Beim Einlaufen in die Lücke Ihrer Wahl ist das Boot durch einen beherzten Griff an die Relings der anderen Boote freizuhalten. Gehen sie beruhigt davon aus, dass diese eine ausreichende Stabilität aufweisen. Haben Sie einen Enterhaken mit Metallspitze an Bord, ist auch er für diese Aufgabe bestens geeignet: setzen Sie dieses Werkzeug an jeder Nische und Kante des benachbarten Decks an, die Ihnen geeignet erscheint.

11. Raum ist in der kleinsten Lücke. Weißt die Lücke am Kai, in die Sie einlaufen wollen, nur die Hälfte Ihrer Bootsbreite oder weniger auf, fahren Sie mittig darauf zu und geben Sie dann im Rückwärtsgang Vollgas. Die Crews der benachbarten Boote werden Sie bei dem Manöver durch Zwischenhalten ihrer Fender unterstützen. Gelingt das Manöver nicht oder bleiben Sie auf halbem Wege stecken, sollten Sie über die Anschaffung einer stärkeren Maschine nachdenken.

12. Legen Sie Ihren Anker stets so, dass Ihre Kette sich mit der Kette eines Nachbarbootes überkreuzt. Auf diese Weise bekommen Sie sicher mit, wenn der Nachbar ablegt und können sich einen komfortablen Platz in der Mitte des nun frei gewordenen Raums sichern, bevor ein anderes Boot den Platz neu belegt. Merke: Wo´s für zwei reicht, reicht´s für einen erst recht.

13. Bleiben Sie auch beim zehnten Anlegeversuch innerhalb von eineinhalb Stunden gelassen und ignorieren Sie Hinweise anderer, während dieser Zeit in Habacht-Stellung wartender Crews über die beste Art, in diesem Hafen zu ankern. Sie sind der Skipper. Basta.

14. Wenn bei offensichtlich voll belegtem Hafen doch noch einige breite Lücken mit farbigen Markierungen frei sind, belegen Sie diese couragiert! Hafenpolizei oder Fährpersonal werden Sie gegebenenfalls früh genug darauf aufmerksam machen, falls Sie versehentlich den Fähranleger oder den Liegeplatz der Coast Guard blockieren.

15. Wenn Sie bereits einen Platz gefunden haben und ein anderes Boot in Ihrer Nähe anlegen will, beleidigen Sie dessen Crew nicht mit besserwisserischen Ratschlägen. Eine Untiefe? Vorstehende Steine oder Eisenteile? Die Leute haben doch selbst ein Hafenhandbuch und Augen im Kopf! Auch das Annehmen von Leinen könnte als Bevormundung aufgefasst werden. Einige launige Kommentare aus dem Cockpit lockern die Stimmung und reichen vollauf.

16. Ankommende zu grüßen, könnte als Anbiederung verstanden werden und sollte unterbleiben. Merke: Die Crews größerer Boote grüßen die Crews kleinerer Boote grundsätzlich nicht.

17. Sollte doch jemand am Kai stehen, wenn Sie einlaufen, um Ihre Leinen entgegenzunehmen, machen Sie zuerst einen lockeren Probewurf, bei dem die Leine im Hafenwasser landet. Danach ist sie durch das Wässern schwerer und geschmeidiger, ergo, als Wurfgeschoss besser zu gebrauchen. Machen Sie nun aus der Leine einen möglichst kompakten Haufen und werfen Sie diesen dann mit Wucht zielgenau auf die am Kai wartende Person.

18. Belegen Sie Ihre Anlegeleinen mit so großer Spannweite rechts und links, dass sie die Rümpfe der anderen Boote tangieren. Sie fixieren damit die Nachbarboote zusätzlich. Sollte dies mit den Heckleinen nicht gelingen, legen Sie zusätzlich eine Spring an beiden Seiten. Ihre Nachbarn werden diese kleine Aufmerksamkeit sicher zur Kenntnis nehmen.

19. Zum maritimen Ambiente eines Hafens gehört auch eine entsprechende Geräuschkulisse. Tragen Sie dazu bei, indem Sie Ihr Gangwaybrett so verlegen, dass es bei jeder Bewegung des Bootes Quietschgeräusche erzeugt und lassen Sie so viele Fallen wie möglich lose am Mast, damit ihr gleichmäßiges Schlagen zuverlässig das Auffrischen des Windes anzeigen kann.

20. Bordmusik war schon immer Bestandteil seefahrerischen Ambientes. Lassen Sie Ihre Nachbarn an Ihrem Musikgeschmack teilnehmen! Ob Wagner, Techno, Heino oder die Original Emmentaler Jodlbuam - ein wenig kultureller Transfer kann nie schaden und bringt Ihnen sicher manche interessante Bekanntschaft ein. Merke: Schon aus diesem Grund ist die Anschaffung von Außenlautsprechern äußerst empfehlenswert!

21. Cockpitgespräche bis in den späten Abend beleben den Steg auf´s Geselligste. Merke: Gespräche über das Land eines Nachbarn, der nicht Ihrem Sprachraum angehört mit mehrmaliger Nennung seines Landes ergibt für diesen spannende Rätselrunden, welcher Art Ihre Gespräche nun sind und zeigen ihm auf´s Angenehmste, von Ihnen wahrgenommen zu werden.

22. Auch im Hafen macht Ihr Schiff nach Einbruch der Dunkelheit mit eingeschaltetem Top- und Mastlicht eine gute Figur. Merke: Boote über 12 Meter Schiffs- und/oder Mastlänge müssen im Hafen die sogenannte "Christbaumbeleuchtung" führen! Bei gesteigertem Stromverbrauch s. Punkt 23

23. Sollten Sie mehrere Tage an einem Steg ohne Stromanschluss liegen, müssen Kühlschrank, Eiswürfelbereiter und Klimaanlage trotzdem nicht ausgeschaltet werden. Lassen Sie pro Tag mindestens 4 Stunden die Maschine im Leerlauf mit Halbgas laufen, um die Bordbatterien wieder aufzufrischen. Um dem dabei entstehenden Lärm und Gestank zu entgehen, machen Sie einfach einstweilen einen Spaziergang. Empfehlen Sie diese Maßnahme gegebenenfalls auch Ihren Nachbarn.

24. Ein Barbecue am Kai bringt heimelige Lagerfeuer-Atmosphäre in den Hafen. Die Düfte nach Holzkohle und gebratenem Fleisch werden sicher auf allen Booten am Steg als angenehm empfunden.

25. Wollen Sie eine gewisse Zeit in einem kostenlosen und neutralen EU-Hafen bleiben oder gar Ihr Boot hier einlagern, belegen Sie umgehend einen der besten Plätze und markieren diesen als Ihr Eigentumsrecht durch ein Holzschild ausreichender Größe. Merke: Chartergesellschaften belegen solche Häfen für Ihre Klientel mitunter fast komplett - und was diesen recht ist, kann Ihnen nur billig sein.

26. Wenn Sie nach einer erfrischenden Hafennacht früh am nächsten Morgen wieder ablegen, machen Sie Ihre Nachbarn durch lautes Rufen und andere Geräusche (beliebt: herzhaftes Stochern mit dem Enterhaken am Nachbarboot) darauf aufmerksam. Ihre Nachbarn werden Ihnen die Einladung, den neuen Segeltag früh zu beginnen, danken und Ihnen gerne im Falle irgendwelcher Missgeschicke helfen, Ihr Boot doch noch ohne größere Beschädigungen aus der Lücke zu bringen.

27. Sollte Sie beim Ein- oder Auslaufen die Leine eines nur mit Kettenvorlauf geworfenen Ankers in den Propeller bekommen und abtrennen, drohen Sie dem Besitzer des jeweiligen Bootes umgehend eine Anzeige wegen Sachbeschädigung an und nehmen dann den Anker als (nun ja) herrenloses Fundstück an sich, falls die Leine nicht auf Nimmerwiedersehen im Hafen verschwindet.

28. Sollten Sie beim Aufholen des Ankers in diesem verhakt eine oder mehrere Ketten anderer Boote vorfinden, fahren Sie mindestens zwei Bootslängen vor und zurück, um auszuprobieren, ob der lästige "Beifang" dadurch nicht doch noch abzuschütteln ist. Sie ersparen sich mit dieser Maßnahme eventuell das anstrengende und lästige Lösen der Ketten mit einer durchgeführten Leine.

29. Beim Auslaufen gelten die gleichen Grußregeln wie beim Einlaufen (s. Punkt 16).

30. Nach dem erfolgreichen Auslaufen sollte zuerst für alle Crewmitglieder zur Hebung der Stimmung an Bord ein Cocktail serviert werden. Zum Einholen etwa ausgebrachter Fender und Klarieren der Anlegeleinen bleibt während des Törns noch genügend Zeit.

Bei Berücksichtigung möglichst vieler Punkte dieser zugegebenermaßen umfangreichen Liste, wird Ihnen die Aufmerksamkeit anderer Segler nicht verwehrt werden und Sie können sicher sein, in kürzester Zeit in jedem Hafen Ihres Reviers umgehend erkannt zu werden. Ein erhebendes Gefühl, das Ihnen die Genugtuung vermittelt, Ihr Geld nutzbringend in die vielen von Ihnen absolvierten Befähigungsnachweise investiert zu haben.